Standpunkte

«Safety first» – auch im BFI-Bereich

Matthias Michel
Ständerat, Mitglied Politikerteam FUTURE

Sicherheit hat im Kontext der Pandemie-Bekämpfung in unserem Land eine neue Bedeutung erlangt. Zugleich waren noch selten so viele Augen auf den unverzichtbaren Beitrag von Wissenschaft, Forschung und Innovation gerichtet wie in dieser Krise. Vor diesem Hintergrund wird das Parlament über die Finanzierung des BFI-Bereichs in den nächsten vier Jahren entscheiden.

Die ständerätliche WBK unterstützt die BFI-Botschaft 2021-2024 mit einem Fokus auf die Bewältigung des digitalen Wandels.  Zusätzlich setzt sie weitere Akzente in der Innovationförderung. Zentral ist für die WBK-S, dass die Akteure im BFI-Bereich Planungssicherheit haben. Sie beantragt deshalb einstimmig, in der BFI-Botschaft auf eine Kreditsperre zu verzichten.
 
Der Bundesrat sieht vor, einen Teil der finanziellen Mittel erst dann freizugeben, wenn das Mittelwachstum im BFI-Bereich inklusive der Ausgaben für die EU-Programme nicht grösser ist als 3%. Die gesperrten 312 Mio. Franken entsprechen rund 1% des gesamten Volumens der Botschaft. Der finanzpolitische Nutzen der Kreditsperre steht somit in keinem Verhältnis zur grossen Unsicherheit, welche damit für die Planung der betroffenen BFI-Akteure entsteht.
 
Das Prinzip «safety first» muss auch für die verlässliche Finanzierung des Wissens- und Forschungsplatzes Schweiz gelten – nicht zuletzt in Zeiten nach Corona.

Die Partnerschaft zwischen Wissenschaft und Politik stärken

Xavier Pilloud
Leiter der Geschäftsstelle des Netzwerks FUTURE

Die Wissenschaft ist der grösste Feind des neuartigen Coronavirus. Während unsere Gesellschaft eine vorläufige Bilanz über die schädlichen Folgen der Pandemie zieht, setzen wir unsere Hoffnung in die Forschung. Dies ist nach wie vor erlaubt. Wir denken darüber nach, wie wir Herdenimmunität erreichen können, ohne unser Gesundheitssystem zu überlasten, wie wir einen Impfstoff finden und zulassen können oder mit welchen Strategien sich eine zweite Welle der Pandemie vermeiden lässt. Die Wissenschaft steht bei all diesen Szenarien im Zentrum. Sie ist allgegenwärtig auf den Titelseiten der Medien und sitzt sogar mit unserer Regierung an einem Tisch.

Anfang April 2020 ernannte der Bundesrat ein hochrangiges Gremium, das ihn in Form einer Task Force berät. Zweifellos trug die vielfältige Kritik, welche die Wissenschaftsgemeinde im März geäussert hatte, zu diesem Entscheid bei. Das Wichtigste ist aber, dass sich politische Entscheidungsträger und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jetzt über die Modalitäten einer Lockerung der Massnahmen und die zu berücksichtigenden Risiken vor der Entdeckung und Zulassung eines Impfstoffes austauschen.

Es ist zu hoffen, dass die durch das Coronavirus ausgelöste Krise die Verknüpfung von Wissenschaft und Politik stärken wird. Denn im Land von Wissen und Innovation ist diese zu schwach. Die mangelnde Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Politik nimmt in den Vereinigten Staaten eine dramatische Wendung. Dasselbe gilt aber auch für viele europäische Staaten, die trotz der bemerkenswerten Reaktionen ihrer Gesundheitsämter teilweise nicht auf den Ausbruch der Pandemie vorbereitet waren. Zahlreiche Fachleute warnten indes lange im Voraus vor einem solchen Risiko.

Denn letztendlich ist es die Aufgabe der Wissenschaft, uns daran zu erinnern, dass es in dieser Welt mehr Ungewissheiten als Gewissheiten gibt. Politikerinnen und Politiker müssen Entscheide fällen, Massnahmen ergreifen und Krisen managen, aber sie können sich auf die Wissenschaft stützen, um vorausschauend zu agieren, Dogmen in Frage zu stellen und alle plausiblen Szenarien in Betracht zu ziehen. Diese Chance wurde bei der Vorbereitung auf eine Pandemie eindeutig verpasst, doch sie kann genutzt werden, um einen Weg aus einer Krise zu finden. Das gilt auch für den Ausblick auf die Bereiche Wirtschaft, Klima, Sicherheit oder Ernährung. Bis heute gibt es jedoch keine formale Struktur für einen vertieften und sachkundigen Dialog zwischen den Vertretenden aus Politik und Wissenschaft.

Die beiden Welten betrachten einander schon zu lange wie Hund und Katze. Die Politik stand einer Wissenschaft kritisch gegenüber, die keine eindeutigen Fakten schafft; die Wissenschaft war distanziert gegenüber einer Politik, die sie als zu stark vereinfachend wahrnahm. Heute können wir sehen, wie wichtig diese Partnerschaft für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist. Denn letztlich, so der Philosoph Edgar Morin, seien Wissenschaft und Demokratie zwei menschliche Lebenswelten, die beide auf der Diskussion von Ideen beruhen.

Also: Lasst uns debattieren, austauschen, unsere Zweifel und seltenen Gewissheiten teilen und das Wissen der hervorragenden Köpfe bündeln, auf die unsere Hochschulen und Forschungsinstitutionen stolz sein dürfen. So können wir dem Parlament, der Bundesverwaltung und dem Bundesrat eine echte Struktur der wissenschaftlichen Beratung vorschlagen! Das ist die Chance der laufenden Legislaturperiode.

Xavier Pilloud
Leiter der Geschäftsstelle des Netzwerks FUTURE

Entscheidendes Jahr für Bildung und Forschung

Mathias Reynard
Nationalrat, Mitglied Politikerteam FUTURE

Der Bereich Bildung, Forschung und Innovation steht vor einem entscheidenden Politjahr. In der Woche vor der Frühjahrssession überwies der Bundesrat die Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation in den Jahren 2021-2024 (BFI-Botschaft) ans Parlament. In der zweiten Jahreshälfte folgen Verhandlungen über die Schweizer Beteiligung am 9. EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe und die Frage einer Teilnahme am Bildungsprogramm Erasmus.

Der Bundesrat plant langfristig. Er berücksichtigt in der BFI-Botschaft die Unsicherheit bezüglich der derzeit unbekannten Kosten für die Beteiligung an den EU-Forschungsprogrammen ab 2021. Damit verdeutlicht er seine volle Unterstützung für die Schweizer Wissenschaftsgemeinde, die nachdrücklich darauf hinweist, dass diese Beteiligung eine zentrale Voraussetzung ist für den Erfolg in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren. Auch bezüglich Erasmus traf der Bundesrat Vorkehrungen für eine Beteiligung oder die Fortsetzung einer Schweizer Lösung.
 
Das Parlament spielt eine entscheidende Rolle. Seine Aufgabe ist es, den Ansatz des Bundesrates zu unterstützen und diesem gleichzeitig eine eigene Note zu verleihen. Als Lehrer bin ich der Ansicht, dass die Förderung der Weiterbildung und der Grundkompetenzen sowie die Ausbildungsbeiträge in den letzten Perioden zu kurz kamen und mehr Unterstützung verdienen.

Internationale Vernetzung stärkt Wirtschaft und Forschung

Petra Studer
Koordinatorin Netzwerk FUTURE

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass die Schweizer Hochschulen und Forschungseinrichtungen von der Beteiligung an den Europäischen Forschungsrahmenprogrammen (FRP) profitieren. Viele Berichterstattungen fokussierten sich jedoch stark auf die finanziellen Effekte, indem der Rückfluss von Projektunterstützungen an Forschende in unserem Land mit dem Schweizer Beitrag an die EU für die Programmbeteiligung aufgerechnet wurde. Auch wenn ein positiver Rückfluss zweifelsohne sehr erfreulich war: Die qualitativen Aspekte und deren Einfluss auf den Wissensplatz und Wirtschaftsstandort Schweiz sind noch viel bedeutsamer.

Genau diese qualitativen Aspekte werden in der vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) jüngst veröffentlichten Studie nun ins Zentrum gerückt. Eine Befragung von 878 FRP-Teilnehmenden zeigt auf, dass die europäische Forschungszusammenarbeit für die Schweiz eine Erfolgsgeschichte ist, die zu neuen Patenten, Produkten, Firmengründungen und Arbeitsplätzen führte. 

Die Bedeutung der FRP-Förderungen für die hiesigen Hochschulen bleibt offensichtlich. Die Umfrage zeigt jedoch, dass nahezu die Hälfte aller europäischen Forschungsprojekte mit Schweizer Beteiligung aus Kooperationen von Hochschulen und Privatunternehmen bestanden, wobei in 62% der Fälle KMU beteiligt waren. Mit jedem gewonnenen Projekt konnten im Schnitt drei neue Stellen (davon eine Stelle unbefristet) geschaffen werden; und aus jedem zehnten Projekt ging ein neues Spin-off oder ein Start-up hervor. Die FRP sind somit auch für die Forschung und Innovation der Schweizer Unternehmen, welche nicht in den Genuss von Fördermitteln des Bundes kommen, eine wichtige Förderquelle und stärken die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.

Der Bericht des SBFI unterstreicht im Weiteren die Komplementarität der Europäischen Forschungsprogramme und des Schweizerischen Nationalfonds (SNF): Die beiden Förderquellen funktionieren ergänzend und können sich gegenseitig nicht ersetzen. Bei den FRP werden die Projekte der Akteure aus Forschung und Innovation in einem sehr kompetitiven internationalen Umfeld bewertet; grenzüberschreitende Kooperationen zwischen den Besten eines Fachs sind der Schlüssel zum Erfolg. Diese internationalen Netzwerke sind äusserst wertvoll und bleiben oft über das Projektende hinaus bestehen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Forschungsplatzes Schweiz wird somit auch laufend gestärkt.

Eine Assoziierung der Schweiz an das 9. EU-Forschungsrahmenprogramm («Horizon Europe») in den Jahren 2021 bis 2027 hat nicht nur für unsere Hochschulen und Institutionen der Forschungs- und Innovationsförderung oberste Priorität. Auch der Wirtschaftsplatz Schweiz kann auf diese internationale Vernetzung nicht verzichten.